Speaker A
In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit dem Thema Mittelohr oder Auris Media oder auch dem Tympanon. Die Anatomie des Mittelohres ist ja für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist klein, liegt im Knochen, man kann es sich nicht richtig anschauen, keine Ahnung, wo da oben und unten ist und was überhaupt wichtig ist. Deshalb werden wir uns das Schritt für Schritt erarbeiten und vor allem schematisch einfach darstellen, denn so furchtbar kompliziert ist das Thema Ohr eigentlich gar nicht. Aber auch ich habe am Anfang meine Schwierigkeiten gehabt. Also zuallererst: Wo liegt das Mittelohr? Was ist die exakte Position im Kopf? Hier haben wir eine Frontalansicht auf den Kopf. Hier ist oben und links und rechts sehen wir die Ohrmuscheln. Wenn wir jetzt hier in der Ohrmuschel stehen, tut sich vor uns ein Gang auf, der nach medial in die Tiefe führt, der Gehörgang oder der Meatus acusticus externus. Wenn wir bis zu seinem Ende spazieren, stehen wir vor einer großen Membran, einer Wand, dem Trommelfell oder der Membrana tympani. Wenn wir uns dann in die Membran einen Schlitz schneiden und auf die andere Seite schauen, schauen wir auch schon in das Mittelohr. Das Tympanon ist im Grunde nichts anderes als ein luftgefüllter Raum in der Pars petrosa des Os temporale. Pars petrosa heißt nichts weiter als der felsenartige Anteil, wie ein Fels, denn er ist der härteste Knochen im menschlichen Schädel. Wenn wir nun durch unser Loch im Trommelfell durchschlüpfen und an das andere Ende des Mittelohres laufen würden, stünden wir an der Trennwand zwischen Mittelohr und Innenohr. Da hätten wir die Cochlea und das Vestibulum mit seinen Bogengängen hier angedeutet. Also, wie ihr seht, heißt das Mittelohr Mittelohr, weil es in der Mitte zwischen dem äußeren Ohr und dem inneren Ohr liegt. Manche Dinge sind eben trivial, dazu gehört auch die Anatomie des Ohres. Schauen wir uns das auch noch einmal von kranial, also von oben, an. An dieses Bild erinnert ihr euch vielleicht noch dunkel: die Schädelbasis mit ihren Ein- bzw. Austrittsstellen, vordere Schädelgrube, mittlere Schädelgrube und die hintere Schädelgrube mit dem Foramen magnum. Und hier ungefähr wäre dann unser Gehörgang, etwas weiter medial davon das Mittelohr und ganz innen die Cochlea, das Vestibulum und die Bogengänge. Wenn ihr euch jetzt fragen solltet: Wir haben ja hier den Meatus acusticus externus, wo war noch einmal gleich der Meatus acusticus internus? Den hätten wir hier. Und die Pars petrosa Ossis temporalis ist ungefähr das Gestrichelte hier, und diese Strukturen liegen, wie gesagt, im Knochen drin. Das Einzige, was wir mit bloßem Auge sehen können, ist der Porus acusticus internus, also der Eingang zum Meatus acusticus internus. Für alles andere bräuchten wir, wenn wir hier oben auf dem Knochen stehen würden, einen ziemlich leistungsstarken Bohrer, um einen Blick darauf zu werfen. Also wir springen durch unser gebohrtes Loch wieder in das Mittelohr. Was sehen wir bisher? Die laterale Wand des Tympanons bildet das Trommelfell, medial davon haben wir Cochlea, Vestibulum und Bogengänge. Was wäre, wenn wir uns durch die Vorderwand bohren würden? Welche wichtige Struktur zieht noch durch einen Kanal im Felsenbein? Die Arteria carotis interna. Drehen wir uns jetzt einmal um und schauen uns die Hinterwand genauer an. Dort sehen wir bereits eine Öffnung nach hinten. Wir können unseren Bohrer zur Seite legen und klettern da mal durch. Und da landen wir wieder in einem luftgefüllten Raum mit mehreren kleinen abgehenden Räumchen, die Mastoidzellen oder Zellae mastoideae. So, jetzt haben wir uns das Mittelohr von vorn und von oben angeschaut. Wie sieht es jetzt in einer Lateralansicht aus? Wir bohren also wieder in der mittleren Schädelgrube ein Loch in den Boden und finden uns im Mittelohr. Als kleine Orientierung zeigt die gestrichelte Linie die Grenze zum Fals, also zum Rachen. Wir stehen jetzt also wieder im Tympanon und schauen auf die vordere Wand. Dort sehen wir zwei Öffnungen, einen kleinen Kanal, den lassen wir jetzt einfach mal so stehen, darauf gehen wir später genauer ein, und darunter eine etwas größere Öffnung. Da klettern wir jetzt mal durch und finden uns im Rachen wieder. Das Mittelohr hat also eine direkte Verbindung zur quasi Außenwelt, denn über den Nasen- oder Orohrang könnten wir theoretisch den Schädel ganz verlassen. Während wir hier vorgekrabbelt sind, haben wir gemerkt, dass die Röhre im ersten Drittel sehr harte Wände hat und in den anderen zwei Dritteln etwas weicher wird. Das erste Drittel besteht nämlich noch aus Knochen, die restlichen zwei Drittel aus Knorpel. Das hier ist die Tuba auditiva oder auch Ohrtrompete. Das ist der einzige Weg, also über den Luft in den luftgefüllten Raum oder in die luftgefüllten Räume hier mitten im Knochen kommt. Welche wichtige Aufgabe die Ohrtrompete genau erfüllt, besprechen wir später. Kümmern wir uns jetzt erst einmal noch weiter um die allgemeine Anatomie des Mittelohres. Neben dem Tympanon hatten wir noch weitere luftgefüllte Räume gefunden, nämlich hier hinten das kleine Fenster, das dahin führt, heißt Aditus. Dahinter kommen wir dann in eine große Eingangshalle, dem Antrum mastoideum, und von dort geht es in die Zimmer, die Zellae mastoideae. Okay, um das noch einmal zu verdeutlichen: Das alles hier befindet sich im Knochen. Kommen wir wieder zurück in das Mittelohr. Das Dach des Tympanons wird von einer dünnen Knochenplatte gebildet, dem Tegmen tympani. Jetzt fragt ihr euch bestimmt wieder, was reitet die schon wieder auf so Details rum, aber wenn ein Raum, der direkt mit der Außenwelt verbunden ist, von diesem sehr großen und sehr wichtigen Raum von einem dünnen Knochenplättchen getrennt ist, könnte das hier nicht eine Schwachstelle sein, über die Entzündungen in den Schädel einbrechen können? Und genau deshalb ist das Ganze hier klinisch wichtig. Mittelohrentzündungen sind also durchaus ernst zu nehmen. Wenn es ganz blöd läuft, kann es zu Abszessen und Hirnhautentzündung führen. Aber nicht nur hier oben haben wir eine Schwachstelle. In manchen Individuen kann auch die Hinterwand der Mastoidzellen sehr, sehr dünn sein. Das kommt darauf an, wie groß diese Zellen beim Einzelnen sind. Da gibt es große Unterschiede. Aber was verläuft hier hinten? Der Sinus sigmoideus. Das heißt, wenn es blöd läuft und sich eine Entzündung bis hierhin ausbreitet und zu einer Mastoiditis führt, kann diese Entzündung unter Umständen in das venöse System des Gehirns übertreten und zu Venenentzündung und Thrombosen führen. Dann schauen wir mal nach unten. Was würden wir finden, wenn wir ein Loch in den Boden der Mastoidzellen oder dem Tympanon bohren würden? Da finden wir eine Vertiefung. Diese mündet nach hinten in einer Öffnung aus dem Schädel heraus. Diese Öffnung sehen wir in der kranialen Ansicht hier. Das ist das Foramen jugulare, und ab hier heißt sie Fossa jugularis Ossis temporalis. Und Überraschung: Hier treten die Vena jugularis, Blut aus dem Schädel, und noch ein paar wichtige Strukturen treten hier aus, genau hier Nerven, und zwar der Nervus glossopharyngeus, der Nervus vagus und der Nervus accessorius. Später besprechen wir, dass der Nervus glossopharyngeus von hier einen Ast abgibt in das Tympanon. Jetzt haben wir fast überall Löcher reingebohrt. Bohren wir, weil es so viel Spaß macht, noch einen in die Vorderwand. Da haben wir schon erwähnt, finden wir eine Arterie, die Arteria carotis interna. Jetzt würde ich sagen, haben wir uns jetzt ganz gut klargemacht, wo genau das Tympanon liegt und in welcher Beziehung es zu umliegenden Strukturen steht.